Rezension: Independent Verlage am konzentrierten Buchmarkt

»Zwischen Häresie und Avantgarde«

Cover: Independent Verlage am konzentrierten Buchmarkt

Unabhängige Verlage als Phänomen des Strukturwandels im Buchmarkt – das ist nichts Neues. Ein fundierter Überblick zum Thema fehlte aber bisher. Diesen gibt Lucia Schöllhuber mit ihrer 2016 erschienenen Dissertation. Sie will aufzeigen, welchen Beitrag Independents für das gesamte Feld wie auch für die Zukunft des Büchermachens leisten. Und sie möchte nicht zuletzt das Bewusstsein dafür schärfen, dass kleine Verlage die Vielfalt an Novitäten sicherstellen.

Nach der Einleitung geht es in drei großen Blöcken zunächst um die Situation in der Buchbranche und darum, wie der literarische Betrieb funktioniert, mit Bezug auf die Theorie der sozialen Praxis von Pierre Bourdieu. Im umfangreichen Hauptteil stehen die Arbeitswelten von Independent-Verlagen im Mittelpunkt. Detailliert werden Hürden im buchhändlerischen Verkehr aufgezeigt, aber auch Strategien, damit umzugehen und die eigenen Stärken auszuspielen, etwa in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; den Abschluss bildet ein Fazit, das »Fallstricke und Erfolgsfaktoren, Position und Potenzial« beleuchtet. Der dritte Block präsentiert acht Verlage im Porträt: Blumenbar (inzwischen Teil des Aufbau Verlags), kookbooks, Luftschacht, mairisch, Onkel & Onkel, Salis, Verbrecher Verlag, Voland & Quist.

Auf der Basis von 24 Interviews werden die spezielle Entwicklung und Ausgestaltung dieser belletristischen Verlage nachgezeichnet. Die Liste der befragten Expertinnen und Experten findet sich ebenso wie der Fragebogen im Anhang.

Was sind die Kennzeichen von Independents? Zwar betont die Autorin, dass der Begriff sich einer Definition entzieht, aber sie nennt als »Orientierungs- und Diskussionsbasis« fünf Faktoren, die auf die untersuchten Verlage zutreffen:

• Unabhängigkeit und Verantwortung
• kleinteilige Unternehmensstruktur
• Professionalität und Anspruch
• Transparenz und soziale Praxis
• Avantgarde als Übergangsphänomen

Schöllhuber verortet die Independents zwischen zwei Polen: Am einen Ende stehen Konzernverlage, am anderen drängen sich verlagsunabhängige Buchprojekte – Konzentration gegenüber »Fragmentierung in Selbstverwirklichungsprojekte bzw. Selfpublishing«. Irgendwo dazwischen erfüllen die Kleinverlage ihre wichtige Funktion als »Keimzelle und Forscherecke der Branche«.

Die zentrale Entdeckung ihrer Arbeit ist für die Autorin, welchen hohen Stellenwert soziale Einbindung und Kontakte für die Verlegerinnen und Verleger haben. Erweitert zu Netzwerken und Communities sind sie »integraler Bestandteil der unternehmerischen Praxis« und Experimentierfeld für neue verbundene Lebens- und Arbeitskonzepte. Independents erscheinen hier als »verfestigte soziale Netzwerke«.

Dabei ist der größte Erfolgsfaktor Authentizität. Diese trifft auf ein wachsendes Bedürfnis nach »Greifbarkeit und Transparenz, aber auch Qualität und Verantwortung« in Zeiten des Umbruchs und angesichts veränderter Herstellungs- und Erscheinungsformen des Buches. Es geht um nicht weniger als darum, neu zu verhandeln, was ein Verlag überhaupt ist und sein kann, so die Autorin. Zu den Grundfunktionen gehören ihr zufolge:

• als programmatischer und qualitativer Filter dienen
• den sozialen Aspekt des Verlegens neu beleben und formen
• Foren bieten, Räume der Begegnung schaffen
• literarische Kommunikation zur Bedingung wirtschaftlicher Arbeit machen

Gerade die gegenwärtige Instabilität der Buchbranche bietet die Chance, hier neue Standards zu setzen – »den Blick von der falschen Alternative ›Geld oder Geist bzw. Kunst oder Ökonomie‹ wegzulenken, hin auf neue Wege, in denen sich Kultur und Wirtschaft durchdringen, ohne als Gegensatz zueinander zu stehen«.

Mit ihren mutigen inhaltlichen und gestalterischen Konzepten, der lokalen Verankerung gepaart mit globalem Know-how haben unabhängige Verlage den Begriff independent zur Dachmarke und zum Qualitätssiegel gemacht, konstatiert die Autorin. Wie es dazu kam und warum etwa kookbooks eine eigene Marke ist, beschreibt sie akribisch genau.

Fazit: Die Lektüre des Buchs lohnt sich. Am Beispiel der acht zwischen 1995 und 2007 gegründeten Verlage wird klar, wie wichtig die Impulse sind, die von ihnen ausgehen: den Störern und Erneuerern »zwischen Häresie und Avantgarde« (Schöllhuber).

Deutlich wird auch, wie dringend Independents Unterstützung brauchen und wie segensreich gerade auch die Arbeit der Kurt Wolff Stiftung als Interessenvertretung ist. Ihr jährlich erscheinender Katalog »Es geht um das Buch« dient mit seinen kurzen Verlagsporträts Buchhändlern als Orientierungshilfe. Und er regt dazu an, das breite Spektrum an Programmen und Neuerscheinungen zu entdecken. Ein Dokument der Bibliodiversität.

 

Lucia Schöllhuber,
Independent Verlage am konzentrierten Buchmarkt

Berlin/Boston: De Gruyter Saur, 2016
Hardcover, XII, 341 Seiten, mit Abbildungen und Tabellen
ISBN 978-3-11-042662-5, 99,95 Euro

 

Übrigens: Seit 2013 gibt es den indiebookday, initiiert vom mairisch Verlag, heuer am 24. März.

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