Rezension: Ulrich Schmid (Hg.), Ukrainische Literaturgeschichte
Ein Fenster nach Europa
Gibt es eine ukrainische Nationalliteratur? Wie entwickelt sich Literatur in einem Raum mit wechselnden politischen Grenzen? Welche Rolle spielt die Mehrsprachigkeit für die ukrainische Literatur? Diesen Fragen geht die Ukrainische Literaturgeschichte nach, und Kapitel für Kapitel entfaltet sich ein Jahrtausend europäischer Kultur und Geschichte im Osten unseres Kontinents.
Als ich Slawistik studierte, lag mein Schwerpunkt auf der russischen Literatur. Das war um 1990. Ich bewunderte Gogol’, aber die Tatsache, dass er aus einer ukrainischen Familie stammte, spielte kaum eine Rolle. Die russisch-sowjetische Perspektive verstellte mir den Blick. Leider sehr spät habe ich angefangen, das Land als eigenen Sprach- und Literaturraum wahrzunehmen. Umso neugieriger war ich auf die Darstellung der Epochen und Regionen, in denen sich die ukrainische Literatur entwickelt hat – zwischen Kyjiver Rus’, Polen-Litauen, Osmanischem Reich, Zarenimperium, Habsburgerreich, Sowjetrepublik und unabhängigem Staat.
Ein solcher Überblick über die Geschichte der ukrainischen Literatur auf Deutsch wurde bislang schmerzlich vermisst. Herausgeber Ulrich Schmid, Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen, hat nun mit sechs Koautorinnen und -autoren ein Standardwerk vorgelegt, das vom 9./10. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht.
Verbunden, aber autonom
Am Anfang standen ostslavische Texte als »gemeinsames Erbe sowohl der russischen als auch der ukrainischen (und belarussischen) Geschichte« (G. Brogi). Und das ist gleich ein entscheidender Hinweis. Bekannte Sprachdenkmäler wie die Nestorchronik sind eben nicht alleiniges Eigentum der russischen Überlieferung, wie es seinerzeit mein Seminar zur »altrussischen« Literatur glauben machte und wie es der offiziellen russischen Lesart entspricht.
Im Spannungsfeld von polnisch-litauischer Adelsrepublik, Kosaken-Hetmanat und russischem Staat bildete sich ein vielschichtiges literarisches System heraus. Zu zeigen, dass es bei aller Verbundenheit einen autonomen Status beanspruchen kann, ist ein zentrales Anliegen dieses Buchs. Schon früh zeichneten sich Entwicklungslinien ab, die die ukrainische Literatur bis in die Moderne hinein beeinflussten. Es gab verschiedene Zentren der Gelehrsamkeit und der Volkskultur, und es wurden je nach Region und Kontext verschiedene Sprachen gesprochen: darunter Polnisch, Ruthenisch (Ukrainisch und Belarussisch), Latein, Griechisch und Kirchenslavisch. Gerade diese ausgeprägte Mehrsprachigkeit ist »einer der Gründe für den Reichtum und die Variabilität der heutigen ukrainischen Literatursprache.« (M. G. Bartolini)
Von Gogol’ zu Ševčenko
Im 19. Jahrhundert wurde die ukrainische Literatur zur »Herausforderung der russischen imperialen Kultur« (U. Schmid). Man nahm die dem Zarenreich neu eingegliederten Gebiete der südlichen und der rechtsufrigen Ukraine als eigene Kulturlandschaft wahr, ukrainische Folklore kam in Mode. Theaterstücke und Prosawerke in ukrainischer Sprache erschienen; sie hoben sich durch »nichtpathetisches Sprechen« und parodistische Färbung ab von der »dominanten klassizistisch-romantischen Tradition der russischen Literatur«. Das führt direkt zu Nikolaj Gogol’ (1809–1852). Auf seine Mittlerstellung zwischen der russischen und ukrainischen Literatur wird detailliert eingegangen, bis hin zur metaphysischen Dimension in Gogol’s (russischer) Sprache. »Die Dinge und ihre Bedeutung streben auseinander. Der Effekt ist entweder unheimlich oder komisch.«
Gogol’s Zeitgenosse Taras Ševčenko (1814–1861) verwandelte die ukrainische Volkssprache in eine Literatursprache mit einem breiten stilistischen Ausdrucksvermögen. Wie der ehemalige Leibeigene zum »Nationaldichter« wurde, illustrieren Episoden aus Ševčenkos Leben und Beispiele aus seinem Werk. Das liest sich wie ein Panorama der ukrainisch-russisch-polnischen Geschichte im 19. Jahrhundert.
Aufschwung und Rückschläge
Nach vereinzelten Erfolgen, eine ukrainische Literatursprache und Nationalkultur zu etablieren, endeten die Bemühungen in einer Sackgasse. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der öffentliche Gebrauch des Ukrainischen im Zarenreich zunächst stark eingeschränkt und später verboten. Dennoch gab es Frauen wie Marija Vilinskaja (1833–1907), die unter dem Pseudonym Marko Vovčok die literarische Bühne betrat, eine »ukrainische George Sand« (U. Schmid). Die russischstämmige Autorin und Übersetzerin veröffentlichte 1857 den Band Volkserzählungen auf Ukrainisch in St. Petersburg. Ivan Turgenev war einer ihrer Unterstützer. Schmid zitiert aus einem Brief von ihm an Marko Vovčok (geschrieben kurz nach Ševčenkos Tod): »Es gibt auf der Welt nichts Höheres als die Kleinrussen. Besonders wir Großrussen sind null und nichtig. Und wir Großrussen streichen über unseren Bart, lachen und denken: Die Kinder sollen nur spielen, sie sind ja noch klein. Dabei ist Ševčenko ein so großer Dichter!« Zu dieser Zeit lebte Turgenev bereits im Ausland.
Frauenemanzipation und Nationalkultur
Die ukrainische Literatur im Habsburgerreich nahm eine andere Entwicklung. Nach der Ersten Teilung Polens 1772 waren Gebiete der heutigen Westukraine und Kleinpolens an Österreich gefallen. Hier gab es enge Verflechtungen mit der polnischen, deutschen und jüdischen Literatur.
Als Vertreterin der ukrainisch-deutschen Zweisprachigkeit wird Ol’ha Kobyljans’ka (1863–1942) vorgestellt. Sie engagierte sich in der galizischen Frauenbewegung und organisierte 1894 eine erste Frauenversammlung in Czernowitz. Kobyljans’ka gilt als »eine der ersten Vertreterinnen der Moderne in der ganzen ukrainischen Literatur« (A. Woldan).
Mit Lemberg/L’viv ist einer der großen Namen der ukrainischen Literatur verbunden: Ivan Franko (1856–1916). Seine vielfältigen Aktivitäten als Autor in mehreren Sprachen und Genres sowie als Übersetzer von Werken der Weltliteratur ins Ukrainische werden ausführlich beschrieben. Der »selbsternannte Erschaffer einer ukrainischen Nationalkultur« strebte danach, Ukrainer in der Donaumonarchie und im Zarenreich zu vereinen.
Unter den Habsburgern war die Zensur weniger streng, sodass auch antirussische Texte erscheinen konnten. Ivan Nečuj-Levyc’kyj (1838–1918) veröffentlichte, wenn auch anonym, den Trakat »Über die Unbrauchbarkeit der großrussischen Literatur für die Ukraine und für das Slaventum« (1878/1884).
Ein gegenteiliges Konzept verfolgte Mychajlo Drahomanov (1841–1895). Als Emigrant in Genf warb er für die »Schulung ukrainischer Autoren an den besten russischen und westeuropäischen Vorbildern« (U. Schmid), die Föderalisierung Russlands und dessen Umgestaltung zu einem liberalen Rechtsstaat. Er verfasste einen kurzen Überblick über die ukrainische Literaturgeschichte für den Literaturkongress in Paris 1878. Turgenev überreichte die Broschüre in Drahomanovs Namen dem Vorsitzenden des Kongresses, Victor Hugo. Solche immer wieder eingestreuten Details machen den Text lebendig, und mir gefällt Turgenevs wiederholtes Eintreten für die ukrainische Literatur.
Erneuerung und Blüte
Trotz der massiven Einschränkungen auf russischem Territorium bildete sich in den Gebieten im Zarenreich und in Österreich seit den 1890er-Jahren eine gemeinsame ukrainische Literatur heraus.
Unter den Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die vorgestellt werden, ragt die Kyjiver Übersetzerin und Dichterin Lesja Ukrajinka (Larysa Kosač, 1871–1913) heraus, die Nichte von Mychajlo Drahomanov. Sie wird »neben Ševčenko und Franko zu den drei Großen der ukrainischen Literatur gezählt« (A. Kratochvil, A. Woldan). Ihr Werk steht sowohl für Europäisierung als auch für die in der ukrainischen Literatur typische Hochschätzung der Folklore. Lesja Ukrajinka und Ol’ha Kobyljans’ka verband eine enge Beziehung.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg blühte die ukrainische Literatur auf. Literarische Gruppierungen rangen um künstlerische und ästhetische Konzepte, verschiedene Strömungen entstanden. Viele Autoren waren sowohl politisch als auch literarisch produktiv, eine Avantgardeliteratur entstand. Volodymyr Vynnyčenko (1880–1951), zeitweilig Regierungschef der ersten ukrainischen Volksrepublik, verfasste mit Sonnenmaschine (Sonjašna mašyna, 1928) einen dystopischen Roman, der im Deutschland der Weimarer Republik spielt.
Ein anderes Beispiel ist Mykola Chvyl’ovyj (1893–1933), »einer der am meisten diskutierten und einflussreichsten ukrainischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (V. Faber et al.). Er wandte sich vehement gegen den russischen (Kultur-)Kolonialismus und entwarf in seinen Essays »die Zukunftsvision einer ukrainisch-europäischen Kultur«.
Verfolgung und Tod
Diese Namen stehen für eine Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich für den Aufbau einer kulturell eigenständigen Ukraine einsetzten. Doch das »Zeitfenster für literarische Experimente« begann sich zu schließen. Viele Kulturschaffende wurden vom stalinistischen Regime verfolgt und ermordet. Man spricht auch von der »erschossenen Renaissance«. Über die einzelnen Schicksale zu lesen, macht das Ausmaß des stalinistischen Terrors noch deutlicher. Mir bleibt besonders jenes Verbrechen in Erinnerung, bei dem 1932 die ukrainischen Folkloresänger zu einer Vollversammlung nach Charkiv gelockt und dann liquidiert wurden. Einer, der sich lange erfolgreich für die Tradition der Volkssänger und Banduraspieler eingesetzt hatte, war Hnat Chotkevyč (1877–1938), selbst ein Virtuose auf diesem Instrument und Verfasser eines der »schönsten Romane der ukrainischen Literatur im 20. Jahrhundert« (Steinerne Seele, 1911). Er starb 1938 im Straflager. Wie er fiel fast die gesamte kulturelle Elite Stalins Terror zum Opfer. Die Rezeption ihrer Werke wurde unterdrückt, sie gerieten in Vergessenheit und konnten erst spät der Öffentlichkeit (wieder) zugänglich gemacht werden. Es erscheint als bezeichnend für die gegenwärtige Situation, dass diese Ereignisse in Russland nie aufgearbeitet wurden, im Gegenteil: Ein russischer Historiker, der die Massenerschießungen ukrainischer Intellektueller dokumentiert hatte, wurde 2016 zu fünfzehn Jahren Lagerhaft verurteilt.
Aufbrechende Traumata
Was kam nach dem Holodomor der Dreißigerjahre, nach Terror und Weltkrieg? Die kollektiven Traumata waren tabuisiert und verschüttet unter der Ideologie des Stalinismus. Erst in der Zeit des politischen »Tauwetters« ließ der Druck etwas nach. Dennoch bahnte sich bereits in den späten Fünfzigerjahren eine Wiedergeburt der ukrainischen Literatur an. Damit ist der Name von Lina Kostenko (geb. 1930) verbunden, sie wurde zur »beliebtesten Schriftstellerin in der unabhängigen Ukraine« (A. Achilli, V. Faber).
Zwischen dem Ende der Tauwetterperiode nach 1963 und dem Beginn der Perestroika ab 1986 waren die Möglichkeiten, als Autor, Autorin zu arbeiten und zu veröffentlichen, wieder stark eingeschränkt. Eine herausragende Position nimmt in dieser Zeit der Stagnation Vasyl’ Stus (1938–1985) ein, »der einzige ukrainische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, dem Literaturhistoriker und Intellektuelle den Rang eines modernen ukrainischen Nationaldichters zubilligen«. Er ist für seine Lyrik berühmt und übersetzte etwa Rilke ins Ukrainische. Auch Stus starb in einem sowjetischen Straflager.
Postmoderne und Unabhängigkeit
Für den Anfang vom Ende der Sowjetunion sorgte 1986 die Nuklearkatastrophe von Čornobyl’. Nach dieser Zäsur begann in der Ukraine die lang ersehnte kulturelle Befreiung. Der Aufbruch zeigte sich im »Nebeneinander der offiziellen Literatur, der Untergrundliteratur (Samvydav), der Exilliteratur, des großen Korpus bisher unveröffentlichter oder verbotener Texte von Autoren früherer Generationen sowie neu entstehender Texte« (A. Achilli et al.).
Es formierten sich wieder verschiedene Literaturzentren. In L’viv, Charkiv, Kyjiv, Ivano-Frankivs’k wurden die Erneuerung und die Emanzipation der ukrainischen Kultur gefeiert. Protagonisten dieser Bewegungen in der nun unabhängigen Ukraine waren unter anderen Jurij Andruchovyč (geb. 1960) und Oksana Zabužko (geb. 1960).
Mit der jüngeren Generation von Autorinnen und Autoren, etwa Tanja Maljarčuk (geb. 1983) oder Serhij Žadan (geb. 1974), nahm die ukrainische Literatursprache auch Elemente von Punk und Popkultur auf. Slang, Umgangssprache und die ukrainisch-russische Mischsprache Suržyk wurden eingesetzt, um mit den gesellschaftlichen Normen aus der Sowjetzeit zu brechen.
Sprachwechsel
Der Euromaidan 2013/14 und der Überfall Russlands auf die Ukraine 2014 markieren die nächste große Zäsur in der Ukraine. Bis dahin war Russisch auch hier eine gängige Literatursprache gewesen. Doch nun wandten sich mehr und mehr Schreibende davon ab. Von den Gründen erzählt das letzte, 18. Kapitel.
Die dramatischen Ereignisse der jüngeren Gegenwart und die literarischen Reaktionen darauf ergeben ein beklemmendes Bild. Und mit der Vollinvasion am 24. Februar 2022 ändert sich noch einmal alles. Zu einer wichtigen Identifikationsfigur wird Serhij Žadan. Er hatte sich noch vor Beginn des Angriffskriegs für eine vielsprachige ukrainische Literatur eingesetzt. Nun stellt er sich gegen den russischen Imperialismus, auch in der Sprache, und tritt in die Armee ein. In der ukrainischen Öffentlichkeit erlangt Žadan den »Status eines neuen Nationaldichters« (A. Achilli et al.).
Unter den Bedingungen des Kriegs erheben sich auch starke weibliche Stimmen, es gibt eine »neue Welle feministischer Literatur«. So erzählt Halyna Petrosanjak in dem 2024 erschienenen Roman Tollkirsche von individuellem Erinnern und kollektivem Vergessen. Sofija Andruchovyčs Romanepos Amadoka (2020) »übersetzt die schwierige ukrainische Vergangenheit in individuelle Frauenbiographien«.
Mit einem Zitat der Dichterin Halyna Kruk (geb. 1974) endet der Band: »Die ukrainische Lyrik gewinnt in diesem Krieg eine unerwartete Stärke, die sie von Fundamentalem und Archetypischem sprechen lässt, über Tiefen des menschlichen Geistes und der menschlichen Existenz, in die professionelle Dichter schon lange keinen Fuß mehr zu setzen wagten.«
Mein Fazit
So viele Namen, und darunter so viele mir unbekannte!, das dachte ich immer wieder bei der Lektüre der Ukrainischen Literaturgeschichte. Dabei empfand ich es als große Bereicherung, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit ihren Werken im historischen und europäischen Kontext kennenzulernen.
Die Literaturhinweise am Ende jedes Kapitels erleichtern es, einzelnen Spuren nachzugehen. Ein Personen- und Werkregister erschließt den Inhalt zusätzlich. Zwar gibt es nur vereinzelt Übersetzungen ins Deutsche, aber das ändert sich hoffentlich mit diesem Band.* Anregungen dazu enthält er überreichlich. Und so stößt dieses Buch auch ein Fenster auf, durch das wir mit neuen Augen auf Europa blicken.
Ulrich Schmid (Hg.)
Ukrainische Literaturgeschichte
J. B. Metzler, Berlin, 2025
Hardcover, XI, 376 S. 19 s/w-Abbildungen, 13 Farbabbildungen
ISBN 978-3-662-70636-7, 34,99 Euro
Das Buchcover zeigt Ivan Franko, Taras Ševčenko und Lesja Ukrajinka als Wandmalerei am Ufer des Dnipro in Kyjiv.
Danke für das Rezensionsexemplar an den Verlag.
Podcast-Tipp: Jedes Wort zählt: Buchgespräch zu Ukrainische Literaturgeschichte (Roundtable Osteuropa 59)
* Eine Ukrainische Bibliothek entsteht gerade im Wallstein Verlag: »Die Texte erscheinen fast ausschließlich zum ersten Mal auf Deutsch in zeitgemäßen Übersetzungen; die insgesamt 8 Einzelbände der Reihe werden dabei von namhaften Autorinnen und Autoren und anderen Intellektuellen herausgegeben und mit erhellenden Essays ergänzt«.