Rezension: John Boardley, Die Erfindung des Buchs. Zwölf Innovationen der frühen Druckgeschichte

Von den ersten (typografischen) Dingen

Cover: Boardley, Erfinndung

Was war neu am gedruckten Buch? Weniger als gedacht. Es handelte sich eher um eine Neukonzeption, um eine »Neuerfindung von dessen Herstellung« auf der Grundlage bekannter Verfahren. John Boardley erklärt dies vor dem Hintergrund der Renaissance, einer Zeit »allgemeiner Erholung« nach Pest und Hungersnöten, in der gleichzeitig brutale Vernichtungskriege herrschten sowie politische Willkür.

Breit aufgefächert

In zwölf Kapiteln fächert der Autor die Anfänge des Buchdrucks auf. Er beginnt mit den ersten Drucken Gutenbergs und beschreibt ausführlich dessen 42-zeilige Bibelausgabe. Im zweiten Kapitel geht es um die eigentliche Innovation Gutenbergs, die Herstellung von beweglichen Lettern aus Metall, und um die Entwicklung der Fraktur- und Antiqua-Schriften. Kapitel drei führt dies fort mit den ersten Kursivschriften. Im Mittelpunkt steht dabei das Werk von Aldus Manutius, »eines der berühmtesten Drucker und Verleger aller Zeiten«. Erwähnt werden Raubdrucke und das Privilegienwesen sowie die Verlegerin Margherita Ugelheimer.

Das vierte Kapitel ist ganz den »ersten Typografinnen« gewidmet. Boardley verweist darauf, dass Frauen bereits vorher in Klöstern an der Entstehung von Manuskripten beteiligt waren. Aber sie traten auch als Buchsammlerinnen und Mäzeninnen, Miniatur- und Buchmalerinnen im weltlichen Bereich auf oder als Lohnschreiberinnen wie Clara Hätzlerin, die im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts in Augsburg arbeitete.

Frühe Beispiele für Druckerinnen sind die Nonnen eines Dominikanerklosters in Florenz, es gab Schriftsetzerinnen, etwa Estellina Conat in Mantua, und die Augsburger Druckerin Anna Rügerin, die 1484 als erste Frau namentlich im Kolophon eines gedruckten Buchs erschien, in Eike von Repgows Sachsenspiegel. Die Pariser Druckerin und Verlegerin Charlotte Guillard wird ebenfalls gewürdigt, ihr Wirken umspannte nahezu die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Im fünften und sechsten Kapitel stellt der Autor zunächst die ersten gedruckten Buchillustrationen vor und dann die Anfänge des Mehrfarbendrucks. Hier geht es vor allem um Holzschnitte, wie sie Albrecht Pfister 1461 in Bamberg in einer Fabelsammlung mit dem neuartigen Druckverfahren kombinierte, »nicht nur das erste datierte illustrierte Buch, das in Europa hergestellt wurde […], sondern auch das allererste in deutscher Sprache gedruckte Buch«.

Neben Ulm und Augsburg findet Nürnberg mit Albrecht Dürer als Zentrum für Holzschnittillustrationen Erwähnung, ein Abschnitt zu handkolorierten Büchern folgt und wird im nächsten Kapitel weitergeführt.

Texte mit Rot und anderen Farben zu strukturieren und zu verzieren diente schon bei Handschriften der Textorganisation und der Repräsentation. Bei Drucken verursachte jeder extra Durchlauf durch die Presse pro Farbe einen erheblichen Zeit- und Kostenaufwand. Entsprechend lange dauerte es, bis der Mehrfarbendruck sich etablierte. Ein Pionier auf diesem Gebiet war Erhard Ratdolt, »zweifelsohne einer der größten Erneuerer des Buchdrucks im 15. Jhdt.«. Er experimentierte in Venedig und Augsburg mit Möglichkeiten, farbig zu drucken, und wagte sich auch an den Golddruck, wie im siebten Kapitel ausgeführt wird.

Thema des achten Kapitels sind die Druckermarken, deren erste 1462 in einer lateinischen Bibel von Fust und Schöffer in Mainz erschien. Neben weiteren bedeutenden Beispielen wird das Signet von Aldus Manutius vorgestellt, der um einen Anker gewundene Delfin.

Im neunten Kapitel geht es um die Entwicklung der Titelseite. Die erste dekorative Titelseite mit fast allen Angaben, die man auch heute darauf erwartet, wurde 1476 in Venedig gedruckt, wieder unter Beteiligung von Ratdolt.

Die Kapitel zehn und elf behandeln spezielle Verfahren beim Druck von Musiknoten sowie von Karten und Atlanten. Hier kommt Nürnberg als eines der »bedeutendsten Zentren der Kartenherstellung« ins Spiel, und zwar mit der ptolemäischen Weltkarte in der Schedelschen Weltchronik, gedruckt 1493 von Anton Koberger. Diese »darf nach Gutenbergs B42 als die berühmteste aller Inkunabeln gelten«, nicht zuletzt wegen ihrer Holzschnittillustrationen. Mit dem 1486 in Mainz veröffentlichten illustrierten Pilgerbericht von Erhard Reuwich als Vorläufer der ersten gedruckten Reiseführer endet Kapitel elf.

Das zwölfte Kapitel dreht sich um »die ersten Kinderbücher«. Der Autor nennt aus der Inkunabelzeit bis 1500 einzelne Werke, die sich (auch) an Kinder richteten – Lateingrammatiken, Rechtschreib- und Benimmbücher, eine Fibel sowie Äsops Fabeln, Letztere in England von dem Frühdrucker William Caxton gedruckt. Anhand einiger Beispiele wird die Entwicklung bis ins 18. Jahrhundert und zu John Newbery nachgezeichnet, dem »Vater der Kinderliteratur«.

Im Epilog richtet sich der Blick noch einmal auf die englischen Traditionen im Buchdruck und weitet sich dann zu einer gesamteuropäischen Perspektive. Mit dem Verweis auf eine Reihe weiterer »typografischer Konventionen« kommt der Autor zu der oftmals zufälligen »Überlebensrate« von Inkunabeln und schließt emphatisch: »Dank des Buchs haben Autoren von der Antike bis hinein in die Gegenwart eine Stimme, die vernehmlich genug ist, um weltweit gehört zu werden, jetzt und von kommenden Generationen.«

Unterhaltsam erzählt

Bei allem Reichtum an Fakten und Details ist Die Erfindung des Buchs unterhaltsam und abwechslungsreich erzählt. Die thematische Gliederung erlaubt es, einzelne Werke oder Personen zu betrachten, ohne dass der rote Faden verloren geht.

Erfreulicherweise umfasst der Anhang auch ein Register, das den Ansprüchen an einen Index mit Untereinträgen und Querverweisen genügt, wenn auch mit einigen Abstrichen. So weist etwa der Haupteintrag »Paris« dreizehn Fundstellen auf, was den Nutzen unnötig schmälert.

Das Besondere an diesem Buch ist das Zusammenspiel zwischen Text und Illustrationen. Bekanntes und Dekoratives, Seltenes und Erstaunliches ergeben ein Panorama buchkünstlerischer Vielfalt. Es entsteht eine echte Abenteuerreise in die Druckgeschichte.

 

Boardley, Erfindung, S. 105

Druckermarke von Simon de Colines mit Wortspiel aus seinem Namen und afrz. conil für Kaninchen; das umgangssprachliche bouquin bezeichnet sowohl einen männlichen Hasen als auch ein Buch, S. 105.


John Boardley
Die Erfindung des Buchs. Zwölf Innovationen der frühen Druckgeschichte
Aus dem Englischen von Gisella M. Vorderobermeier
wbg Academic, Darmstadt, 2020
Hardcover, fadengeheftet, mit Schutzumschlag
192 Seiten, 70 farbige Abbildungen, davon 41 ganz- oder doppelseitig
ISBN 978-3-534-27123-8, 48,00 Euro

Linktipp:
John Boardley betreibt den Blog ilovetypography.com.

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