Narrativa online: #frag-die-lektorin auf der Autorenkonferenz

Der Boden unter meinen Füßen als Kind

Screenshot: narrativa 4

Erstmals fand die Autorenkonferenz narrativa online statt und erstmals mit der Lektoratssprechstunde #frag-die-lektorin. Für den VFLL beantwortete ich im Slack-Chat Fragen der Teilnehmenden. Eine gute Gelegenheit, um für Qualität im Lektorat zu werben, für die vertrauensvolle Arbeit am Text.

»Ich erinnere mich an den Boden unter meinen Füßen als Kind.« Mit diesem Schreibimpuls endete die narrativa 4, und still vereint schrieben alle zehn Minuten lang drauflos, ohne innezuhalten und ohne nachzudenken. Auch Doris Dörrie selbst, die Referentin dieser letzten Session. Die Regisseurin und Autorin ist auch Professorin für kreatives Schreiben, 2019 erschien ihr Buch Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Die Übung war ein wohltuender Ausklang nach einer anstrengenden, aber auch sehr vielfältigen Tagung.

Im Mai sollte die narrativa 4 in Frankfurt stattfinden. Sie wurde zuerst auf Anfang Oktober verlegt und dann ins Netz. Ich hatte mich frühzeitig angemeldet, weil ich mir eine ähnlich inspirierende Atmosphäre wie bei der narrativa 2 vor zwei Jahren in Kloster Andechs erhoffte. Und wegen der interessanten Referentinnen und Referenten blieb ich auch dabei.

Volles Programm

Mittlerweile sind wir ja alle mehr oder weniger geübt darin, uns online zu treffen. Ein Meeting, eine Lesung, ein Chat – okay. Aber zweieinhalb Tage vor dem Monitor zu verbringen hat meine Begeisterung für die Inhalte merklich gedämpft.

Zum Glück konnten die Vorträge und Workshops diese Nachteile (fast) aufwiegen. Nur beim Auftakt am Donnerstagabend vermisste ich trotz des virtuosen Cellospiels von Florian Fischer den engen Bezug zum Schreiben. Auch bei Tilmann Köppes Vortrag »Die zeitgenössische politische Erzählung« kam für mich die Literatur ein bisschen kurz.

Das änderte sich am nächsten Morgen mit Larissa Boehning, die über das »Erzählen von innen nach außen« sprach. Sie breitete ihre Erfahrungen als Autorin und Dozentin für literarisches Schreiben sehr klar und anschaulich aus. Ihr Bild von der Flüssigkeit, die einen Schwamm »saftig« macht, so wie das Thema eine gute Geschichte bis in die feinsten Details durchzieht, wird mir in Erinnerung bleiben.

Um Bücherpodcasts ging es in dem Gespräch mit Andrea Diener (Tsundoku-podcast und F.A.Z.-Bücher-Podcast). Es gab viele Beispiele und Tipps, wie man einen guten Podcast macht und wie man als Autor:in mit Podcaster:innen umgeht.

#frag-die-lektorin

Mein Part war die Lektoratssprechstunde. Das Angebot #frag-die-lektorin wurde gut angenommen, ich war nur am Lesen und Tippen. Gefragt wurde unter anderem:

• Was zeichnet eine gute Lektorin oder Lektor aus?
• Sind Lektor*innen immer ehrlich?
• Wann empfiehlt sich ein Lektorat?
• Ab wann kann man ein Buch an einen Verlag schicken?
• Empfehlen Sie ein Lektorat eines Manuskripts, bevor ich es an Agenturen schicke?
• Haben Sie gute Tipps gegen Schreibblockaden?
• Ist es normal, dass man manchmal eine Stunde an einem Satz sitzt?
• Wie wird man Lektor?

Ich hatte Fragen erwartet, die vielleicht Themen aus den bisherigen Vorträgen aufgreifen würden. Das war eher nicht Fall. Das Spektrum zeigte einerseits, was Schreibende bewegt, wenn es darum geht, ihren Text in fremde Hände zu geben. Andererseits ging es um Strategien für den Kontakt zu Verlagen und Agenturen. Das Berufsfeld Lektorat war interessant, aber auch die Mitgliedschaft im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) als Kompetenzausweis.

Konzentriert im Team

Am Nachmittag fanden zwei Workshoprunden à drei Stunden statt. Ich nahm an »Strategie und Markenaufbau für Autorinnen und Autoren« von Claudia Feldtenzer teil und an »Details, Überraschungen und Klischees in der literarischen Sprache« von Sascha Michel. In beiden wurde sehr konzentriert, vertrauensvoll und offen gearbeitet.

Am dritten und letzten Tag war das Programm weniger eng getaktet. Sandra Kegel machte den Anfang mit »Tendenzen gegenwärtigen Erzählens«. Sie sprach über autofiktionale Werke wie die von Annie Ernaux, über das Spannungsverhältnis von Geschichten, Geschichtsschreibung und Literatur am Beispiel der historischen Fiktion, in der reale Lebensgeschichten fiktionalisiert werden, etwa bei Thomas Hettche, Herzfaden oder Ulrike Draesner, Schwitters. Als dritte Tendenz in der Gegenwartsliteratur nannte Kegel die Wiederentdeckung der Ökonomie wie bei Jonas Lüscher oder Nora Bossong.

Die Mittagsstunde gehörte Nora Gomringer. Im Gespräch mit Moderatorin Judith Heitkamp erzählte sie davon, wie schwierig die vergangenen Monate für sie waren, zum einen durch das Fehlen von Auftrittsmöglichkeiten, zum andern durch ihre Verantwortung als Leiterin der Villa Concordia und das allgemeine »Distancing«. Als sie dann Heine rezitierte, über Sprache reflektierte und eine unveröffentlichte Geschichte vortrug, waren alle, die zusahen und zuhörten, hingerissen.

Grenzenlos erzählen

Während der zweite Teil der Pitching-Sessions lief, referierte Sebastian Domsch über die amerikanische Gegenwartsliteratur. Er streifte die Diskussion um kulturelle Aneignung und um 9/11 als Ende der Postmoderne. Über David Shields, Reality Hunger (ersch. 2010) kam er zum Verwischen der Grenzen zwischen Fiktion und Realität/Autobiografie, etwa bei Rachel Cusk, Outline Trilogy (2014–2018). Als wichtigen Trend nannte er die Gattungsdestabilisierung, Stichwort Slipstream: Welche Gattung gibt den Rahmen vor? Als Beispiele dienten Colson Whiteheads Romane, von The Intuitionist (1999) bis The Underground Railroad (2016).

Um Genrekonventionen und realistisches Erzählen ging es auch in Sascha Michels Vortrag »Wozu Literatur? Anmerkungen zu einer Ethik des Lesens«. Wie schon in seinem Workshop schärfte er den Blick für Automatismen, Stereotype und Klischees. Rufen Sätze die immer gleichen Assoziationen und Verknüpfungen auf? Oder schöpfen sie aus der Fülle möglicher Alternativen? Literatur darf die automatische Rede unterbrechen und damit das Urteilsvermögen fördern. Sein Fazit: »Eine Ethik des Lesens wäre also eine Ethik des Nichtwissens, des Zweifels und Misstrauens.«

Von der Literaturwissenschaft zurück zum Schreiben führte schließlich Doris Dorries Vortrag. Sie weiß, wie sie Menschen dazu bringt, den Stift in die Hand zu nehmen und der eigenen Intuition zu vertrauen. Nach der Übung stellte sich eine besondere Verbundenheit zwischen denen ein, die teilgenommen hatten. – Erleichtert über das Gelingen der Online-narrativa zeigten sich André und Gesa Hille als Veranstalter und Judith Heitkamp, die klug die einzelnen Fäden verknüpft hatte. Dann gab Administrator Kai-Uwe Vogt den Bildschirm frei für alle, die sich zeigen wollten, und es erschienen immer mehr lachende Gesichter.

Mein Resümee: Eine gute Erfahrung, ein erfolgreicher Testlauf. Vor allem die technische Unterstützung auf den verschiedenen Kanälen hat super geklappt. Fürs nächste Mal würde ich mir insgesamt mehr Pausen wünschen.

 

Screenshot, Doris Dörrie

 

 

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