Unentbehrliche Überlebenskünstler: die Independent-Verlage

Rezension

„Was sind Independent-Verlage und was unterscheidet sie von herkömmlichen Buchverlagen?“ Diese Frage steht im Mittelpunkt des Buchs von Johanna Stiglhuber. Die Autorin stützt sich auf ausgewählte Forschungsliteratur, die wichtigsten deutschen und österreichischen Branchenmedien sowie einige Datensammlungen und Interviews mit Verlegern. Bis auf wenige Ausnahmen spiegeln die Ergebnisse den Stand Ende 2010 oder früher wider.

Zunächst wird ausführlich der Buchmarkt in Deutschland und Österreich dargestellt. Angaben zu Umsätzen, Titelproduktion, Im- und Exporten umreißen die Rahmenbedingungen; Konzentrationsprozesse werden über einen längeren Zeitraum nachgezeichnet und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dem Strukturwandel im engeren Sinn gilt ein eigener Abschnitt ebenso wie der Preisbindungsdebatte und dem Thema Digitalisierung.

Im Hauptteil des Buchs geht es um die Independents selbst – eine äußerst heterogene Gruppe von Verlagen, so die Autorin, nach Programmen, Organisationsformen und Eigentumsverhältnissen. Sie konzentriert sich daher auf Klein- und Kleinstverlage mit Schwerpunkt Belletristik, die doppelt unabhängig sind: wirtschaftlich, also „konzernunabhängig“, und geistig. Das heißt, verlegt wird, „was die Verleger für wichtig und nicht vorrangig oder ausschließlich für umsatzstark halten“. Daraus ergibt sich als typische Konstellation der eigentümergeführte Independent-Verlag, der sich durch einen hohen Anspruch an die verlegte Literatur und einen gewissen Professionalitätslevel auszeichnet.

Politische Unabhängigkeit ist nach Stiglhuber kein Kriterium für Independents, da sowohl eine ausgesprochen politische Ausrichtung, Beispiel Wagenbach, als auch das Gegenteil zum Programm gehören können, wie beim Wiener Luftschacht Verlag. Ausdrücklich nicht zu den Independents zählt Stiglhuber Imprints, Druckkostenzuschussverlage und Selbstverlage.

Ein Kapitel widmet die Autorin der Entwicklung der Kleinverlagsszene in Deutschland und Österreich. Sie erinnert daran, dass die erste Gründungswelle seit Ende der 60er-Jahre politisch motiviert war, um eine Gegenöffentlichkeit beziehungsweise in Österreich erst einmal eine literarische Öffentlichkeit zu schaffen. Mitte der 80er-Jahre gab es einen zweiten Boom. Dabei traten ökonomische Faktoren in den Vordergrund, und es zeichnete sich ein Trend zu regionalen Themen und Autoren ab. In Österreich spielten neue Fördermodelle eine große Rolle sowie eine „Entstaatlichung und Ökonomisierung“ im Verbund mit einem Rückzug der katholischen Kirche aus dem Verlagswesen ab Ende der 90er-Jahre. 2005 begann dann die eigentliche Geschichte der Independents, als in der Berliner Literaturwerkstatt ein erstes Treffen „junger Independent-Verlage“ ausgerufen wurde. Initiatoren waren Lars Birken-Bertsch (Blumenbar) und Daniela Seel (kookbooks).

Das Phänomen der Independents quantitativ zu erfassen ist laut Stiglhuber schwierig. Der Börsenverein weist dem herstellenden Buchhandel circa 1700 Mitglieder zu, die Umsatzsteuerstatistik von 2008 führt 2787 steuerpflichtige Buchverlage auf. Wie viele davon in Deutschland den Independents zuzurechnen sind, ermittelte die Autorin aufgrund der Nennungen im VLB und bei einschlägigen Anlässen wie der Hotlist-Kampagne. Sie kommt auf 106 Verlage.

Entsprechend ordnet Stiglhuber von 1484 Verlagen in Österreich (2009) und 135 im Verlagsführer Österreich (2008) genannten Literaturverlagen 24 den Independents zu.

Was die jährliche Titelproduktion betrifft, so liegt sie erwartungsgemäß im niedrigen ein- bis zweistelligen Bereich, aber nicht nur wegen der begrenzten finanziellen Mittel, denn: „Lieber ein guter Titel als ein guter und neun schlechte“ (Volker Isfort).

Auf gut fünfzig Seiten kreist die Autorin um das spezielle Profil von Indepen-
dents. Sie müssten den „Spagat zwischen verlegerischer Unabhängigkeit und
Selbstbestimmtheit auf der einen Seite und ökonomischen Anforderungen
und Erfolg auf der anderen Seite“ vollführen. Doch nicht jeder würde von
seinem literarischen Anspruch abweichen und „für den Bestseller ein Auge
zudrücken“.

Zu den Vorteilen unabhängigen Verlegens rechnet die Autorin schlanke Strukturen, engagierte Teams und innovative Programme, die es erlauben, „schneller als die Verlagsgruppen“ auf Trends und Themen zu reagieren. Allerdings steht jede Programmgestaltung letztlich unter Finanzierungsvorbehalt – und dagegen hilft manchmal nur ein Brotberuf nebenher, eine Erbschaft zur rechten Zeit oder ein Bestseller als „Entschuldungsglücksfall“.

Ein Exkurs zur staatlichen Verlagsförderung in Österreich (seit 1992) leitet zum Thema Etablierung über. Woran wird diese festgemacht? Stiglhuber nennt zwei Beispiele – Picus und Luftschacht –, die sich über ihre Reputation profilieren konnten. Der wirtschaftliche Aspekt rückt hier an den Rand. Die Autorin konstatiert zwar ein Aufblühen der unabhängigen Szene, zieht dafür aber Quellen von 2008 heran, die sich zudem auf den britischen Buchmarkt beziehen.

Unter den Schwierigkeiten, mit denen die kleinen Unabhängigen zu kämpfen haben, sind neben der dünnen Kapitaldecke der Strukturwandel insgesamt, schwindende Bibliotheksbudgets, die Konditionen von amazon und den Barsortimenten, aber auch die geringe Bekanntheit im Buchhandel und generell ein weniger vernetzter Vertrieb. So setzen Independents verstärkt darauf, ihre Leser direkt anzusprechen, zum Beispiel über Lesungen und Presseartikel. Gleichzeitig haben Marketing sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einen geringeren Stellenwert, weil es dafür oft an Geld fehlt.

Um Schwachstellen auszugleichen, werden verschiedene Wege beschritten. Die Autorin nennt Kooperationen, Verlegernetzwerke, Social Networks, Plattformen wie tubuk, die Hotlist (seit 2009) und Aktionen wie das Patenprogramm von Onkel & Onkel. Nicht alle Initiativen sind jedoch erfolgreich, wie etwa die gescheiterte Kleinverlagsmesse InnText (2004–2006) und der 2007 erfolgte Verkauf von Tropen an Klett-Cotta zeigen.

Als umso wichtiger für den Fortbestand einer lebendigen Independentszene sieht die Autorin gezielte Fördermaßnahmen an: in Deutschland durch den Arbeitskreis kleinerer unabhängiger Verlage im Börsenverein (seit 1980) und die Kurt-Wolff-Stiftung (gegründet 2000), deren Arbeit ausführlich vorgestellt wird. Ein Streiflicht gilt der Situation in der Schweiz, in Großbritannien und China.

Fazit: Independents erhalten die literarische Vielfalt und sorgen für wichtige Impulse auf dem Buchmarkt. Das führt Johanna Stiglhuber anhand zahlreicher Beispiele aus. Und sie zieht ein positives Resümee: „Die unabhängigen Verlage konnten sich sowohl in Hinblick auf Qualität wie auch Umsatz gut positionieren. Sie stehen für Titel, die literarisch und gestalterisch abseits des Mainstreams für Qualität bürgen.“ Um ökonomisch zu überleben, müssen sie jedoch „ihre Stärken ausspielen – also hochwertige Bücher erzeugen, intensive Aufbauarbeit für ihre Autoren betreiben und eine spezielle Nische bedienen“.

Dieser optimistischen Einschätzung möchte man gern folgen, auch wenn
mit dem Blumenbar Verlag kürzlich ein weiterer Vorzeige-Independent seine
Unabhängigkeit aufgeben musste. Oder spricht das gerade für die Attrakti-
vität der innovativen Indies? Es bleibt spannend zu beobachten, wie sie sich
angesichts der Krise auf dem Buchmarkt weiterentwickeln. Zwar kann das
ursprünglich als Diplomarbeit an der Universität Wien vorgelegte Buch von
Johanna Stiglhuber hier nichts Neues beitragen, doch als Überblick über die
Ausgangslage ist es auf jeden Fall zu empfehlen.

Johanna Stiglhuber, Macht und Ohnmacht der Unabhängigen. Independent-Verlage und ihre Verortung. Werner Hülsbusch, Boizenburg 2011, Hardcover, 170 Seiten, 26,90 EUR, ISBN 978-3-86488-003-2

(zuerst veröffentlicht auf www.vfll.de/rezensionen)

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