Seminarbericht: Historischer Roman

Schön ernst & unterhaltsam

Wie kommt Geschichte in den Roman? An der Universität Bayreuth stand diese Frage im Mittelpunkt eines Seminartreffens und ich war als Gesprächsgast dabei. Ein guter Anlass, um meine Erfahrungen aus dem Lektorat historischer Romane zu teilen.

Genre und Markt

Die Studentinnen, die diese Sitzung moderierten, zeigten in ihrer Präsentation, wie der Buchmarkt funktioniert, was das Genre historischer Roman ausmacht und welchen Anteil die Warengruppe am Gesamtumsatz im Buchhandel hat, nämlich 8 % (2012). Das VLB verzeichnete 2015 allein unter den Neuerscheinungen Print 792 Titel (2012: 589).

Solche Zahlen belegen das derzeit große Interesse an dem Genre. Ob ich das auch in meiner Arbeit mitbekomme? Ja, rein subjektiv, aber als Historikerin und Leserin verfolge ich ohnehin neugierig, was auf diesem Gebiet erscheint. Ich erzähle, dass Der Name der Rose gerade auf Deutsch herausgekommen war, als ich meine Ausbildung zur Buchhändlerin begann. Tatsächlich setzte mit Ecos Bestseller in den 80er Jahren eine Erfolgsserie ein, die bis heute anhält.

Und wie definiere ich den historischen Roman? Mir gefällt die Formulierung vom »Muster einer Rekonstruktion der Lebenswelt vergangener Epochen, in denen erfundene Figuren erfundene Geschichten erleben« (Hans-Edwin Friedrich). Dabei ist die Bandbreite an Varianten riesig, das wird mir in der Vorbereitung auf das Gespräch wieder klar. Sicher auch ein Grund für die Beliebtheit des Genres mit seinen zahlreichen Subgenres von Abenteuer- bis Zeitreiseroman.

files/folio/bilder/blog/16_08_Paper_1_kleiner.jpg

factum und fictum

Wie wichtig sind die historische Fakten? Lion Feuchtwanger nutzte sie, um zu stilisieren. »Im Gegensatz zum Wissenschaftler hat, scheint mir, der Autor historischer Romane das Recht, eine illusionsfördernde Lüge einer illusionsstörenden Wahrheit vorzuziehen.« (Lion Feuchtwanger, Vom Sinn und Unsinn des historischen Romans, 1935)

Offensichtlich vertragen sich Faktentreue und fiktionale Elemente hervorragend im literarischen Werk und auch Anachronismen können für das Erzählen eine wichtige Funktion erfüllen. Aber beim Lesen muss klar werden, dass die Autorin, der Autor sorgfältig recherchiert hat. Das stiftet Orientierung.

Als Beispiel für die Arbeit am Text habe ich einen Auszug aus einem aktuellen Roman mitgebracht: eine Seite im englischen Original, in der Übersetzung, der lektorierten und der satzfertigen Fassung. Hier lässt sich nachvollziehen, wie die Details der erzählten Episode verifizert, übertragen und bearbeitet werden: Jahreszahlen, geografische Namen, reale Ereignisse – alles geprüft. Darauf kann die Fiktion aufbauen.

Wie die Autorin vorgegangen ist, berichtet sie im Nachwort. Gleichzeitig erfahren wir darin etwas über die Entstehung des Buchs: »Die erste Idee zu diesem Roman kam mir, als ich die Geschichte der San Juan Islands recherchierte und in einem Siedlertagebuch aus dem 19. Jahrhundert etwas über Schmuggler las.« (Kelli Estes, Die Seideninsel) Die Verfolgung chinesischer Immigranten um 1890 im Nordwesten der USA ist ihr Thema, daraus wird »eine fiktive Geschichte, doch sie beruht auf Tatsachen«. Außerdem legt die Autorin offen, an welcher Stelle sie von den historisch belegten Fakten abweicht und warum sie das tut. Ein wichtiges Signal zur Verlässlichkeit des Erzählten. Nebenbei wirft der Roman ein überraschendes Licht auf zeitgenössische Phänomene. Ebenfalls ein Pluspunkt.

Pop und Poesie

Wie das Genre entstanden ist, wann es besonders erfolgreich war und welche Spielarten es gibt: lauter spannende Fragen, die ich mir lange nicht mehr gestellt habe. Von Walter Scott ist natürlich die Rede, aber auch von Benedikte Naubert. Die Leipzigerin hat schon um 1800 Dutzende von historischen Romanen publiziert.

Immer neue Namen und Buchtitel tauchen auf, quer durch die Epochen. Vielfalt als Gattungsmerkmal. Populärkultur, Histotellment und poetische Ästhetik? Erzählte Geschichte baut Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit den Mitteln der Kunst. Genau wie zwischen E- und U-Literatur.


Danke an Dozentin Anne-Sophie Overkamp, die mich eingeladen, und an Nadja Mortensen, die den Kontakt vermittelt hat, sowie an die Studentinnen des Vorbereitungsteams!

files/folio/bilder/blog/16_08_Hist_Gruppe_2_kleiner.jpg

 

Zum Weiterlesen:

Hans-Edwin Friedrich (Hg.), Der historische Roman. Erkundung einer populären Gattung, Peter Lang Verlag, 2013

Ina Ulrike Paul, Richard Faber (Hg.), Der historische Roman zwischen Kunst, Ideologie und Wissenschaft, Verlag Königshausen & Neumann, 2013

Hans Vilmar Geppert, Der Historische Roman. Geschichte umerzählt – von Walter Scott bis zur Gegenwart, Francke Verlag, 2009

Barbara Korte, Sylvia Paletschek (Hg.), History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres, transcript Verlag, 2009

| (Kommentare: 1)

Zurück

Kommentar von Roland Pauler |

Ein sehr interessantes Seminar. Geschichte erzählen wird im Unterricht immer wichtiger. Ich habe mal während einer Lehrstuhlvertretung in Regensburg über ein Semester hinweg eine Übung abgehalten, in der wir Ideen zu einem historischen Roman gesammelt und mit Wissen über Alltag im Mittelalter unterfüttert haben. Leider ist dann doch kein Buch draus geworden, aber meine Studenten haben gelernt, Geschichte interessant zu machen.

Antwort von Marion Voigt

Hat Dich das zu Deinem eigenen Roman inspiriert?

Einen Kommentar schreiben