Seminarbericht: Berufsziel Lektorat

Von der Uni weg in die Selbstständigkeit?

Was bewegt Studierende, die sich ein Semester lang mit dem Beruf der Lektorin, des Lektors beschäftigt haben? Ist die freiberufliche Arbeit eine Option für den Berufsstart? Am Institut für Buchwissenschaft in Erlangen lud mich Dr. Günther Fetzer zum Abschluss seines Seminars ein, Fragen zu beantworten. Hier einige davon:

Bereitet das Studium angemessen auf die Arbeit im freien Lektorat vor? Kann man sich danach einfach selbstständig machen oder wie verläuft der Weg in den Beruf?

Studium plus Ausbildung und/oder Volontariat beziehungsweise Praktika, das ist der übliche Einstieg in den Beruf. Einen festen Ausbildungsweg gibt es nicht, dafür aber verschiedene Fortbildungsprogramme, auch beim VFLL. Absolventen der Buchwissenschaft haben bereits buchmarktnah studiert – ein großer Vorteil. Für die Selbstständigkeit braucht es dazu fachliche Kompetenzen, je nach Arbeitsschwerpunkt, und betriebswirtschaftliches Wissen.

Wichtige Skills und Softskills?

Neben allen Kompetenzen rund um Orthografie und Stil, Recherche und Software sind Spezialkenntnisse in den unterschiedlichsten Bereichen gefragt: Fach- oder Sachbuch, Belletristik, Werbelektorat, Themen wie Indexing oder Bildredaktion etc. Wichtig ist auch, ein Bewusstsein über die eigenen Qualitätsmaßstäbe zu entwickeln sowie über genretypische, zielgruppenrelevante Merkmale von Textsorten. Wann ist ein Text gut?

Was die Kundin, den Auftraggeber betrifft, kommt es auf die soziale und kommunikative Kompetenz an: Wie pflege ich einen respektvollen, serviceorientierten Umgang und vertrete dabei selbstbewusst den eigenen professionellen Standpunkt?

Nicht zuletzt gehört hierher das ganze Feld von Methoden zum Selbstmanagement und zur Selbstmotivation.

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Was ist mit Buchhaltung und anderen von der Arbeit abhaltenden Dingen?

Ohne geht es nicht. Wer technik- oder zahlenaffin ist, wartet seine Hardware regelmäßig und macht die Steuererklärung ohne Murren. Büroorganisation und Verwaltungstools erleichtern das Leben und sorgen für den nötigen Überblick. Das beansprucht einen Teil der Arbeitszeit. Aber ich muss nicht alles selbst machen und können, ich darf mir Expertinnen und Experten suchen, die das eine oder andere besser und vor allem schneller erledigen als ich. Vorausgesetzt ich erwirtschafte genug Umsatz, um ihr Honorar zu bezahlen.

Wozu Netzwerke, wozu VFLL-Mitglied werden?

Das A & O für die Freiberuflichkeit ist Kontakteknüpfen und -pflegen. In Netzwerken wie den BücherFrauen oder auch bei regionalen Unternehmerstammtischen sind Kolleginnen und Kollegen aktiv, die den Erfahrungsaustausch suchen. Wer bereit ist, sich persönlich einzubringen, und auch mal Aufgaben oder ein Amt übernimmt, bekommt überraschend viel Positives zurück.

Beim VFLL gibt es eine Fülle von berufsspezifischen Angeboten. Seminare zu Kundenakquise oder Autorencoaching geben wichtige Impulse für den Arbeitsalltag. Dabei gestalten die Mitglieder, was in den einzelnen Regionalgruppen oder überregional stattfindet. Berufseinsteiger treffen auf Textprofis und können sich engagieren, etwa als Veranstaltungspaten. Unterstützung gibt es auf allen Ebenen, von juristischen Fragen bis hin zum Selbstmarketing über das VFLL-Freelancer-Portal www.lektoren.de.

Welche Bedeutung hat die eigene Website für Ihre Arbeit?

Als virtueller Laden ist die Website erster Anlaufpunkt für Interessenten. Sie gibt Auskunft über Angebot und Referenzen. Hier laufen die Fäden von anderen Onlinepräsenzen zusammen und vor allem macht sie mich und meine Schwerpunkte nach außen hin sichtbar, auch durch Logo und einheitliche Gestaltung.

Sind Selfpublisher als Kunden interessant?

Selfpublishing wird immer professioneller, Autorinnen und Autoren achten bewusst auf die Qualität ihrer Texte. In der Europäischen Self-Publishing-Studie 2016 wurden fast 4000 deutschsprachige Autoren befragt, über ein Drittel gaben an, mit externen Dienstleistern zusammenzuarbeiten, und dieser Anteil wächst. Seit 2015 gibt es außerdem den Selfpublisher-Verband, mit dem auch der VFLL kooperiert.

Printbücher und E-Books in Eigenregie zu veröffentlichen ist eine spannende Herausforderung, hier können freie Lektorinnen und Lektoren mit ihrem Know-how individuell beraten und unterstützen.

Welche Rolle spielt Weiterbildung?

Vielleicht die Hauptrolle. Auch wenn am Anfang der Selbstständigkeit die Einnahmen nicht sprudeln, sollte ein Budget für Seminare und Workshops reserviert werden. Jede (Weiter-)Qualifizierung bringt nicht nur neue Fertigkeiten, sondern auch Kontakte und Anregungen. Und wenn die Referenzenliste noch kurz ist, unterstreichen Fortbildungen im Profil gezielt die eigenen Kompetenzen.

Zum Arbeitsalltag gehören selbstverständlich auch Zeiten für Fachlektüre, zum Beispiel eine halbe Stunde täglich für relevante Blogs und Newsletter. Wer auf dem Laufenden ist, kann flexibler auf den Markt reagieren und sein Angebot entsprechend anpassen.

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Wie fängt man an?

Sich als Lektorin oder Lektor selbstständig zu machen ist eine Existenzgründung, ganz im unternehmerischen Sinn. Es lohnt sich, dafür Seminare und Beratungen von der Arbeitsagentur oder anderen Stellen in Anspruch zu nehmen und sich dort das Rüstzeug für betriebswirtschaftliche Fragen zu holen. Einen guten Einstieg geben auch diese Broschüren:

Leitfaden Freies Lektorat (Neuauflage in Vorbereitung)
Ratgeber Selbstständige (nur online)

Was ist Ihr zentraler Rat für jemanden, der freier Lektor werden will?

Verbündete suchen! Als freiberuflich Tätige tragen wir ganz allein die Verantwortung für unser Unternehmen. Das ist mit großen Chancen verbunden, aber – logisch – auch mit Risiken und Fallen. Honorarkalkulation, Angebotserstellung, Versicherungen: Gut, wenn man im Fall des Falles jemanden fragen kann. Mit Kolleginnen und Kollegen lassen sich Probleme vermeiden oder zumindest leichter meistern. Und wenn ein Auftrag super gelaufen ist, feiert man am besten gemeinsam.

Zum Weiterlesen:

www.vfll.de/was-ist-lektorat

Foto oben: Simon Maierhofer

 

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