Rezension: Handbuch Korrekturlesen

Richtig schreiben macht glücklich

Cover: Handbuch Korrekturlesen

»Bevor wir ein Urteil zur inhaltlichen Qualität fällen, nehmen wir die äußere Qualität wahr.« Das gilt für Publikationen ganz besonders, und so widmet Johannes Sailler sein Handbuch dem kunst- und fachgerechten Korrigieren von Texten. Es ist ein Werk ganz ohne »besserwisserische Dogmatik« oder Pedanterie über die »wunderbar interessante und erstaunlich abwechslungsreiche Welt des Korrekturlesens«.


Was heißt hier Qualität?

Der Autor war viele Jahre Leiter des Korrektorats bei Duden, Brockhaus und Meyers. Er unterstreicht, dass je nach Textsorte und Zielgruppe andere Maßstäbe an die Qualität anzulegen sind. Doch immer geht es um das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des ganzen Werks, deshalb sind korrektes Schreiben und Fehlerfreiheit bei Weitem kein Selbstzweck. Sie zeugen von Sorgfalt ebenso wie von Wertschätzung gegenüber Lesern und Kunden. Gleichzeitig wirbt Sailler für Gelassenheit und Toleranz, denn »der Fehler von heute kann die Regel von morgen sein«.

Was sind überhaupt Fehler?

Im ersten Teil werden zunächst die unterschiedlichen Kategorien von Fehlern behandelt und damit der gesamte mögliche Leistungsumfang eines Korrektorats: von der Rechtschreibung über inhaltliche Plausibilität und typografische Mindeststandards bis zum Know-how für Umbruchkorrekturen.

Dann unterscheidet der Autor zwischen mehr oder weniger schwerwiegenden Fehlern und stellt klar: »Was dem Kunden auffällt […], das sind gravierende Fehler, was ihm gleichgültig ist oder gar nicht als falsch auffällt, das sind leichte oder lässliche Fehler.« Er weist darauf hin, dass je nach Beschaffenheit des Texts vor der Korrektur 90 bis 95 Prozent der Fehler gefunden werden – seiner Erfahrung nach ein sehr gutes Ergebnis.

Gewusst wie

Der Zweifel als ständiger Begleiter, das ist eine der Erfolgsvoraussetzungen, heißt es im Kapitel über das richtige Korrekturlesen. Hier finden sich praktische Tipps zur Ausstattung des Arbeitsplatzes sowie zur Arbeitsweise, etwa mindestens zehn Minuten Pause pro Stunde einzulegen. Korrekturlesen am Bildschirm wird ebenso thematisiert wie der Umgang mit Selbstverfasstem: »Niemand kann eigene Texte mit befriedigendem Erfolg Korrektur lesen.«

Dringend empfiehlt Johannes Sailler, das Korrektorat in mehrere Lesedurchgänge aufzuteilen und nicht mehr als drei Fehlerarten auf einmal zu prüfen, zum Beispiel Kolumnentitel, Seitenzahlen, Trennungen. In Bezug auf die persönlichen Voraussetzungen warnt er augenzwinkernd: »Vielleserei allein führt noch nicht zu einem ausgeprägten Sprachgefühl.«

Perspektivwechsel

Ein Kapitel dreht sich um die Zusammenarbeit und Kommunikation mit Auftraggebern. Es richtet sich vor allem an freiberuflliche Korrektoren. Der Autor skizziert, welche Erwartungen der Kunde hat, was »aufwandsarme Abwicklung und Zuverlässigkeit« bedeuten und wie sich ein respektvoller Umgangston ausdrückt. Umgekehrt plädiert er für mehr Wertschätzung des Korrekturlesens als komplexer Dienstleistung, verbunden mit adäquater Bezahlung.

Und wie sieht es auf der Auftraggeberseite aus? Das nächste Kapitel zeichnet den Prozess des Veröffentlichens nach und liefert Vorschläge für die Qualitätssicherung im Korrekturablauf. Zu den einzelnen Bausteinen gehören etwa Vorauskorrektur, Text- und Satzprobe sowie Kollationieren. Beim Thema Auftragsvergabe geht Johannes Sailler darauf ein, wie man geeignete Dienstleister findet, welche Bezahlmodelle es gibt und wovon das Lesetempo abhängt.

Glossar

Auf eine »kleine Liebeserklärung« an seinen Beruf lässt der Autor im zweiten Teil des Handbuchs Korrekturwissen von A bis Z folgen. Die Stichwörter sind über Verweise mit dem Text des ersten Teils in beide Richtungen eng verwoben. Ausführliche Erklärungen machen das Glossar zum nützlichen Nachschlagewerk für Fachbegriffe und orthotypografisches Know-how, den Abschluss bilden mehrere Vorlagen.

Fazit

Für alle, die Korrektur lesen und Korrekturaufträge erteilen, vermittelt dieses Handbuch Grundkenntnisse und Spezialwissen in unterhaltsamer Form, aufgelockert durch zahlreiche Beispiele, Zitate und Abbildungen.

Interessant finde ich, dass Johannes Sailler für die oftmals mangelnde Abgrenzung von Korrektorat und Lektorat unter anderem das Fehlen eines Berufsverbands für Korrektoren in Deutschland verantwortlich macht. Dabei sind zumindest die Freiberufler unter ihnen im Verband der freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) gut vertreten, auch was das Berufsprofil und die Qualitätssicherung betrifft.

 

Johannes Sailler, Handbuch Korrekturlesen
Korrektur lesen, Korrekturablauf planen, Korrekturaufträge vergeben – mit Korrekturwissen von A bis Z
Norderstedt: Books on Demand, 2017
Hardcover, 426 Seiten, mit Abbildungen
ISBN 978-3-7431-7732-1, 39,90 Euro

 

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Tafel über dem Eingang zur »Correcteurs Kamer«, Museum Plantin-Moretus, Antwerpen

| (Kommentare: 4)

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Kommentar von Kerstin Schuster |

Vielen Dank für die ausführliche Besprechung und fürs Aufmerksam-Machen auf dieses tolle Buch!

Kommentar von Marion Voigt |

Liebe Kerstin Schuster, ich freue mich über diesen Kommentar. Danke!

Kommentar von Maria, die Texthandwerkerin |

Vielen Dank für diese Empfehlung! Klingt ausgesprochen gut. Interessant finde ich auch, dass das Buch eines ehemaligen Korrektorats-Leiters von Duden, Brockhaus und Meyers bei BoD erschienen ist!
Lieben Gruß

Kommentar von Marion Voigt |

Liebe Maria, das finde ich auch bemerkenswert. Ich denke, der Autor bringt alles mit, was man als Selfpublisher braucht. Herzliche Grüße! Marion

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