Rezension: 5300 Jahre Schrift

Das Medium und die Botschaft

Cover: 5300 Jahre Schrift

Texte verstehen, dazu gehört mehr, als ihren Inhalt zu begreifen. Das führt uns eine schöne Sammlung von Beiträgen vor Augen, die aus der Akademischen Mittagspause in Heidelberg entstanden ist, einer Reihe von Kurzvorträgen über Epochen der Schrift- und Menschheitsgeschichte im Sommersemester 2015. Die Publikation richtet sich an einen weiten Kreis von Interessierten.

Was bedeuten »Materialität und Praktiken der Produktion, der Verwendung und der Rezeption für die Interpretation des Geschriebenen«? Im interdisziplinär angelegten Sonderforschungsbereich 933 Materiale Textkulturen finden Wissenschaftler*innen ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage.

Es beginnt der Assyriologe Kamran Vincent Zand mit »Am Anfang war die Zahl. Schriftentwicklung und Bürokratie im Alten Mesopotamien (ab 3300 v. Chr.)«. Am Ende des Bandes steht Michael Winckler mit seinem Beitrag über »Mathematik. Eine Sprache und ihre Schrift (2017)«.

Dazwischen geht es um die verschiedensten Artefakte und Funktionen: eine beschriebene Palmblattrippe aus dem antiken Jemen, eine karolingische Pergamenthandschrift, Texte auf Birkenrinden aus Nowgorod, Kunst- und Musikvideos, Graffiti in Williamsburg oder Streetart in Heidelberg.

Fünfzig Schriftzeugnisse werden jeweils ausführlich vorgestellt und in ihren historischen Kontext eingeordnet. Dabei ergeben sich überraschende Einblicke, etwa was das »Korrekturlesen im frühen Mittelalter« betrifft und die Verwendung von qualitätssichernden lateinischen Beschwörungsformeln. Oder die Bedeutung der Satzzeichen in Niklas von Wyles Übersetzungen für die Entwicklung der deutschsprachigen Prosa.

Der ganze Band ist prallvoll mit spannenden Geschichten über Medien und ihre (vermeintlichen) Botschaften. Sie laden zum Weiterdenken in alle möglichen Richtungen ein, mittels der elektromagnetisch übertragenen Arecibo-Botschaft sogar ins Weltall.

 

5300 Jahre Schrift
Michaela Böttner, Ludger Lieb, Christian Vater, Christian Witschel (Hrsg.)
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn, 2017
Paperback, 204 Seiten, mit farbigen Abbildungen und QR-Codes
ISBN 978-3-88423-565-2, 29,80 Euro

projektbegleitende Website

 

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