[Offtopic] Auf dem Everesttrek

Die Welt hinter Thukla*

Mein Blogbeitrag Anfang November ist ausgefallen, hat das irgendjemand bemerkt? Ich war in den Schneebergen, im Himalaya. Eine super Ausrede.

Als Teil meiner Wiedereingliederung in den Alltag fasse ich ein paar Eindrücke zusammen. Nur zum Beweis, dass ich es wochenlang (fast) ohne Bücher ausgehalten habe. Die Zeit war ausgefüllt mit Laufen, Essen und Schlafen.

Wie fühlt es sich an, in eisigen Höhen unterwegs zu sein? Von Kathmandu auf 1356 m ging es erst mal nach Lukla, immerhin schon auf 2860 m. Der Flug dorthin – ein Abenteuer für sich. Gipfel an Gipfel auf Wolken gebettet parallel zur Route und die halsbrecherisch kurze Landebahn direkt auf den Fels zu.

In Lukla starten die meisten Treks in die Everestregion. Angeblich wurden in dieser Saison wegen der Erdbeben im Frühjahr nur wenige Touristen erwartet. Aber auf der Strecke nach Namche Bazar drängten sich Karawanen von Yaks oder Dzos, Mulis, Wanderer und vor allem schwer beladene Träger. Was nicht vor Ort produziert wird, gelangt auf dem Rücken von Tieren oder Menschen in die hintersten Winkel.

Namche Bazar erreichten wir in zwei Etappen. Die Siedlung auf 3440 m breitet sich wie in einem Amphitheater am Eingang zum Sagarmatha-Nationalpark aus. Bildschön, fremdartig, umgeben von steinernen Riesen. Hier verbrachten wir einen Ruhetag, um uns zu akklimatisieren. Zwei Wochen später kehrten wir zurück und logierten wieder bei Ang, unserem Guide, und seiner Frau Nawang. Wie vertraut uns nun alles erschien, wie niedrig der Ort plötzlich lag.

files/folio/bilder/blog/NB_Berg_1 Kopie.jpg

Vorher erwarteten uns einige Herausforderungen. Ein Tag mit Schneeregen, der manchen an seiner Ausrüstung zweifeln ließ, auf den aber stabiles Hochdruckwetter folgte. Kopfweh, Atemnot und eine nächtliche Panikattacke, weil mein Bett bebte. Ich war drauf und dran, ins Freie zu fliehen, was sich zum Glück als überflüssig erwies. Axel hatte sich gegen mein Schnarchen nicht anders zu helfen gewusst als mit Rütteln an der Schlafstatt.

Die wahre Prüfung war Renjo La. Von der Lodge in Lungden (4380 m) aus begannen wir morgens bei klarer Sicht langsam, stetig aufzusteigen. Fünf Stunden und 1000 Höhenmeter später erreichte ich als Letzte unserer Sechsergruppe den Pass. Etwa bei 5000 m hatte ich von Durchhaltemantras zu stupidem Schrittezählen gewechselt und die Abstände zum nächsten Innehalten und Luftschöpfen schrumpften zusehends. Jeder Meter ein Kraftakt. Als müsste ich einen Sack Ziegelsteine auf die Zugspitze schleppen, so fühlte sich das an. Gerettet hat mich vermutlich ein Elisenlebkuchen.

Nach dieser Großtat gab es zur Belohnung einen Tag Pause im bezaubernden Gokyo-Tal mit seinen Seen und dem gewaltigen Ngozumpa-Gletscher im Hintergrund. Den Aussichtsgipfel Gokyo Ri betrachtete ich von unten, zufrieden, dass die anderen hinaufstiegen und ihre Fotos mitbrachten.

Noch etwas Spektakuläres gab es in Gokyo zu entdecken. Die Siedlung besteht aus Lodges, die nicht ganzjährig bewohnt sind. Aber sie hat eine Buchhandlung, auf 4800 m! »Wide Range Of Books Available«. Und eine Kunstgalerie. Und eine Bakery mit Brownies. Wie lange wollten wir noch bleiben?

files/folio/bilder/blog/Gokyo_Bookshop_2.jpg

Den geplanten Übergang ins Nachbartal über den Cho La strichen wir witterungsbedingt und umrundeten stattdessen den Gebirgsstock, um nach Thukla (4620 m) hinaufzuwandern. Hinter diesem Ort beginnt ein steiler Anstieg auf ein 200 m höher gelegenes Plateau, das wegen der zunehmenden Gefahr für Trekker, höhenkrank zu werden, auch Poison Pass genannt wird. Gedenksteine für Bergsteiger, die am Mount Everest gestorben sind, markieren diese Talstufe.

Auf Tibetisch heißt der Everest Jomolungma. Eine buddhistische Legende erzählt, dass die Muttergöttin Jomo Miyo Lang Sangma dort auf einem roten Tiger reitet. Sie trägt farbenprächtige Kleider und um den Kopf einen Blumenkranz, in der rechten Hand hält sie eine Schale mit Früchten, in der linken einen Mungo, Symbol für Reichtum.

Tausende haben den Gipfel schon bestiegen, magisch zieht der Everest die Menschen an. In Scharen kommen sie jedes Jahr durch das breite Hochtal, in dem wir jetzt flussaufwärts laufen, gemächlich bis Lobuche und am nächsten Tag weiter nach Gorak Shep. Die letzte Siedlung vor dem Basislager, unserem Ziel, liegt auf 5180 m. Nach einer kurzen Nacht in der Lodge steigen wir zwei Stunden in der beißenden Morgenkälte am Gletscher entlang zum Khumbu-Eisbruch. Wo sonst Expeditionen und Teams die Zelte aufgeschlagen haben, herrscht Leere. Das Erdbeben am 25. April 2015 hatte Teile der Aufstiegsroute zerstört und eine Lawine ausgelöst. Etwa 1000 Menschen befanden sich zu dem Zeitpunkt am Berg. Die Lawine überrollte das Basislager und hinterließ 18 Tote. Danach hat nur noch ein Mann versucht, den Gipfel zu erreichen, aber erfolglos abgebrochen. Somit bleibt die Muttergöttin heuer ausnahmsweise ungestört.

Ich sehe mir den Berg vom Kala Pattar aus an und denke an Das größere Wunder, an Jonas in der Todeszone. »Diese Felsen, diese Steine: Sie sitzen hier, sie schlafen hier, sie schauen hinab auf die Welt unter sich und lassen Schnee auf sich fallen und zwinkern einander alle paar tausend Jahre zu.«

files/folio/bilder/blog/Kalapatar_Everest_1_klein.jpg

 

*Über Dukla in Westgalizien und Andrzej Stasiuks Roman siehe meinen Beitrag im Blog der BücherFrauen.

 

| (Kommentare: 0)

Zurück

Einen Kommentar schreiben