Interview: 40 Jahre Buchmesse

Elmar Klupsch über das Leben im Halbstundentakt und das Lachen des Dalai Lama

Foto: Tanja Höfliger

Erzähl mal!, bat ich Elmar Klupsch von der Literarischen Agentur BookaBook beim Kaffee zwischen zwei Verlagsterminen. Für seinen spontanen Rückblick auf frühere Besuche der Frankfurter Buchmesse war die Zeit viel zu kurz. Deshalb hier die ausführlichen Antworten auf meine Fragen.

Oktober in Frankfurt – zum wievielten Mal bist Du auf der Buchmesse gewesen?

In diesem Jahr, also 2016, habe ich die Frankfurter Buchmesse zum 40. Mal in Folge besucht. Diese Serie konnte noch nicht einmal durch grippale Infekte gestoppt werden. Ein oder zwei Mal hatte ich solche vor der Messe, anstatt danach – wie es sonst die Regel ist. Denn der wenige Schlaf, das unermüdliche Reden von morgens bis spätnachts, das Hin- und Hereilen zwischen den Hallen, früher auch der Zigarettenqualm in den Hallen und der entschieden höhere Alkoholkonsum bei den Treffen sowie insgesamt die adrenaline Daueranspannung bilden einen guten Nährboden für Erschöpfung, Husten und Schnupfen.

Aus welchen unterschiedlichen Blickwinkeln hast Du in diesen Jahren das Messegeschehen verfolgt?

Einmal, 1977, als Postgraduate. Damals bin ich aus eigenem Interesse nach Frankfurt gefahren, weil ich die Buchmesse live erleben wollte. Für mich war das ein richtiges Abenteuer, denn dieser Besuch fand in Vor-Internet-Zeiten statt. Soll heißen, von den Buchneuheiten hat man damals tatsächlich vor allem auf der Messe erfahren. Manchmal gewährten die Feuilletons vorab Ausblicke auf die Novitäten. Aber insgesamt war die Messe der Ort, an dem man sich ungehindert überraschen lassen konnte. Wer heute nach Frankfurt fährt, weiß zumeist schon im Vorfeld, welche neuen Bücher dort gezeigt werden.

In den folgenden Jahren, also von 1978 bis 2007, war ich als Lektor des Arena Verlags, des Gondrom Verlags, der Agentur Diethard H. Klein und des Lübbe Verlags in Frankfurt unterwegs und habe – auf der Suche nach spannenden neuen Buchprojekten – vor allem Verlage aus dem angloamerikanischen Bereich besucht. Darüber hinaus habe ich auch mit Literarischen Agenten Gespräche geführt. Letztere fristeten zunächst ein eher bescheidenes Dasein im Erdgeschoss von Halle 4 (das hatte so etwas von Wohnzimmeratmosphäre), bevor das Ganze andere Dimensionen annahm und schließlich im Agentsʼ Center heutiger Größe mündete.

Seit 2008 bin ich als selbstständiger Literarischer Agent für Fiction und Nonfiction unterwegs und »preise« auf der Messe die Autoren und Autorinnen meiner Agenturliste bei deutschsprachigen Verlagen an. In meinen Augen ein immenser Sprung, die Rolle des Einkaufenden zu verlassen und die des Verkaufenden einzunehmen.

Dieser Perspektivwechsel ist nach wie vor aufregend. Mir war es stets ein persönliches Anliegen, jene Projekte zu entwickeln und zu realisieren, die mir wichtig sind und die keinen Programmvorgaben folgen. Jeder Verlag muss »programmatische Banden« haben, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Doch diese empfand ich immer als eher eingrenzend. So habe ich mir die Freiheit genommen, alles anzudenken, was mir Spaß macht, was aber nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Mit dieser Strategie, mich für »Herzensbücher« einzusetzen, bin ich von Anfang an gut gefahren.

Was hat sich aus Deiner Sicht verändert? Zum Positiven, zum Negativen?

Als positiv empfinde ich das vielfältige Veranstaltungsprogramm rund um die Buchmesse. Das ist in meinen Augen wirklich unglaublich, was den Besuchern da an Workshops, Vorträgen, Diskussionsforen, Ausstellungen, internationalen Begegnungsmöglichkeiten etc. geboten wird. Der ausschließliche Blick aufs Buch wurde aufgebrochen und auf andere Bereiche gelenkt. Da macht die Buchbranche – allen Unkenrufen zum Trotz – gewaltige Schritte in die Zukunft, sodass man über der Frage, ob es das gedruckte Buch in ein paar Jahrzehnten noch gibt, nicht verzweifeln muss.

In negativer Hinsicht erlebe ich zumindest in Frankfurt die starke Konzentration aufs Kommerzielle. Mitunter habe ich den Eindruck, dass man besser nicht über Inhalte spricht, da die meisten eh keinen Kopf dafür haben. Es werden zwei oder drei Hauptmerkmale hinsichtlich des Bekanntheitsgrades und der Vermarktbarkeit eines Autors abgefragt, und schon geht’s weiter. Alles Tun scheint stärker verdichtet und auf wirtschaftliche Effizienz getrimmt zu sein.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in politischer Hinsicht wider: Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre war die Buchmesse auch ein Ort von Demos (z. B. gegen die Startbahn West) und Protestveranstaltungen. Auch wenn uns »Buchmessegänger« das seinerzeit beim Arbeiten störte, solche außerplanmäßigen Farbtupfer vermisse ich heute doch schon.

Frankfurt ist für mich zum sozialen Aufgalopp geworden – ganz im Gegensatz etwa zu Leipzig, wo durch die hohe Beteiligung der Leser die Buchinhalte stärker im Mittelpunkt stehen. Insofern sind die Aufgaben zwischen den beiden Buchmesse-Standorten gut verteilt.

Wie die Buchmesse sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert hat, lässt sich vielleicht auch daran ablesen, dass wir Lektoren früher Dienstagsabends nach Frankfurt fuhren und am Mittwochvormittag mit den Gesprächspartnern die Termine auf der Messe vereinbarten. Heute wäre so etwas unvorstellbar, wo Ende Juni bei vielen die Terminkalender für Frankfurt schon zu sind ...

Dein schönstes Messeerlebnis?

Ende der Achtzigerjahre kaufte ich die Übersetzungsrechte an der Autobiografie des Dalai Lama von Hodder & Stoughton für das Lübbe-Programm auf der Messe ein. Dazu gehörte auch, dass ich nächtens das ausgedruckte (!) Manuskript auf der Toilette des Hotelzimmers las, um den Kollegen im Schlaf nicht zu stören. Am nächsten Tag wurde in einem Schreibbüro auf dem Messegelände der Angebotstext auf Englisch formuliert und dem Londoner Verlag unterbreitet. Mit Erfolg!

Im Jahr darauf, 1990, konnte der Lübbe Verlag das Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von Das Buch der Freiheit. Die Autobiographie des Friedensnobelpreisträgers in Anwesenheit des Dalai Lama im Rahmen einer Veranstaltung im Frankfurter Hof feierlich begehen. Das Lachen dieses Mannes hat so viel Gewinnendes an sich, dass er jeden im Raum damit ansteckte und zum Lachen, mindestens aber zu einem Lächeln bewegte. Übrigens saß Petra Kelly damals mit auf dem Podium – und Gert Bastian im Publikum.

Was wirst Du vermissen, und worauf kannst Du gut verzichten?

Das Leben im Halbstundentakt, das Hetzen von Termin zu Termin, das Reden ohne Punkt und Komma werden mir bestimmt nicht fehlen. Ein früherer Verlagsleiter des Lübbe Verlags nannte das einmal treffend »das permanente Sich-Aufgockeln«, das auf Dauer ziemlich kräftezehrend sein kann.

Vermissen werde ich mit Sicherheit die spannenden Begegnungen und Gespräche mit vielen lieben Kollegen und Kolleginnen, darunter auch etliche Freunde, die Frankfurt immer zu einem Fest gemacht haben, sodass ich anschließend stets wie aus einem Paradies fiel, wenn’s zurück in den Büroalltag ging.

Übrigens fremdele ich ein wenig mit Frankfurt, wenn dort keine Buchmesse stattfindet. Dann fehlt mir etwas Entscheidendes. Trotzdem fühle ich mich in Frankfurt sehr wohl und schätze diese Stadt wegen ihrer Weltoffenheit.

Wie geht’s weiter bei Dir?

Da ich nach vier Jahrzehnten in der Branche so einigermaßen weiß, wie das mit den Büchern geht, würde ich gern noch einmal eine »Horizonterweiterung« vornehmen und Dinge tun (vor allem im sozialen und karitativen Bereich), für die bislang eher weniger Zeit war. Darauf bin ich schon sehr neugierig!

Aber keine Bange, ich werde auch weiterhin Bücher machen, Manuskripte lektorieren, Projekte entwickeln, »meine« Autoren im Schreibprozess begleiten etc. Das macht mir einfach zu viel Spaß, als dass ich die Welt der Bücher ganz hinter mir lassen könnte.

Dein Tipp für Messeneulinge?

Kontakte knüpfen, eigene Ideen verfolgen, auch wenn der Chef mitunter kritisch guckt, und sich eine eigene Meinung bilden, für die es sich zu kämpfen lohnt. Ziemlich »old fashioned«, ich weiß. Sei’s drum!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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