Independents: Ausstellung in Nürnberg

Siegfried Straßner über »klein aber oho«

Foto: Ulrich Breuling

Das Museum |22|20|18| Kühnertsgasse präsentiert zurzeit 19 Verlage aus der Region mit Beispielen für ihr Programm. Zur Eröffnung der Sonderausstellung gab Siegfried Straßner einen Überblick über die fränkische Druck- und Verlagsgeschichte und fragte nach der Motivation von unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern. Hier seine Rede in leicht gekürzter Form.

 

Ein herzliches Willkommen in dieser Ausstellung – und herzlich willkommen in Nürnberg, der führenden Verlagsstadt Bayerns.

Zugegeben: Diesen Rang hatte unsere Stadt in einer anderen Epoche inne: Bis in das 19. Jahrhundert hinein galt Nürnberg als die bayerische Verlagshauptstadt. Denn schon im 15. Jahrhundert, wenige Jahre nach Erfindung des Buchdrucks in Mainz, war der Siegeszug der beweglichen Bleilettern auch in der Noris angelangt. Der gute Ruf der hiesigen Metallindustrie und die Qualität von Papiermühlen wie der Hadermühle boten hier dem neuen Gewerbe ideale Bedingungen.

Nürnberg stieg in den darauffolgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zur weithin geschätzten Medienhochburg auf, dies auch befördert durch das Wirken berühmter Drucker, Druckerverleger und Verlegerpersönlichkeiten. Die Namen von Anton Koberger beispielsweise, von Georg Endter oder Wolff Eberhard Felsecker blieben im Gedächtnis dieser Stadt verhaftet, sie sind vielen zumindest bekannt aus der Bezeichnung der nach ihnen benannten Straßen.

Und heute? Seinen Ruf als deutsche Druckhochburg hat sich Nürnberg bis in die Gegenwart bewahrt, doch als bedeutender Verlagsort wird die Stadt schon lange nicht mehr wahrgenommen. Wurden Stadt und die fränkische Region damit auf ewig zur verlegerischen Wüste? Keineswegs, und selbst wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, beweisen nicht zuletzt die in dieser Ausstellung vertretenen Verlage das Gegenteil.

Sicherlich: Es handelt sich durchwegs um kleinere bis kleinste Verlage und verlegerische Projekte. Aber wie sich beim Rundgang leicht feststellen lässt, gibt es sie in einer erfreulichen, in einer überraschenden Vielfalt.

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ICHverlag
und Garbe Verlag


Klein(st), mini, independent

Aber was ist das nun eigentlich, ein Kleinverlag? Was ist ein Kleinstverlag, ein Mini-Verlag, ein Independent-Verlag – so einige der weiteren Bezeichnungen?

Und, weitergefragt, wann wird ein Kleinverlag zum mittleren Verlag, wann gar zum Großverlag? Ist beispielsweise der Cadolzburger ars vivendi verlag noch ein Kleinverlag oder schon ein großer Kleinverlag? Oder ein kleiner mittlerer Verlag?

Auch zu Zeiten Anton Kobergers wurde zwischen großen und kleinen Verlegern unterschieden. Koberger war einer der Big Player, ja, er war sogar ein Global Player. Er wusste die Gesetze des Marktes vorzüglich zu nutzen, er verlegte schon damals die gut verkäuflichen, die populären und international gefragten Bücher. Spezialisiertere Zeitgenossen wie ein Johann Sensenschmidt, der sich auf theologische Literatur beschränkte, gerieten da schon damals schnell ins Hintertreffen. Er also war ein früher Kleinverleger.

Als gebräuchlicher Terminus in der Öffentlichkeit und in der Fachliteratur tauchte Kleinverlag erst viel später auf, vor allem ab den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Viele der damals zahlreich gegründeten Kleinverlage hatten eine explizit politische Ausrichtung. Etwa 150 bis 200 Kleinstverlage zählte man in dieser Zeit für die BRD. Diese Angabe und eine knappe Definition der Verlagsform finden sich Hans Widmanns Standardwerk Geschichte des Buchhandels (1975):

»Als wesentliches Kennzeichen namentlich der Klein-Verlage mit politischer Tendenz zeigt sich, dass ihre Mitglieder gewöhnlich nicht um des Verdienstes willen, sondern erklärtermaßen aus einer Gesinnung tätig sind, für die sie überzeugt Opfer bringen, ohne nach dem materiellen Ertrag zu fragen.«

Es bestanden natürlich auch damals Kleinverlage ohne betont politische Ausrichtung. In Nürnberg beispielsweise in den 70er- und 80er-Jahren der Plakaterie Verlag des späteren Grünen-Stadtrats Jürgen Wolff. Verlegt wurden unter anderem Bücher mit Plakaten von Michael Mathias Prechtl oder frühe Mundarttexte von Fitzgerald Kusz und Günter Stössel.

Auch bei den hier in der Ausstellung vertretenen Kleinverlagen ist die straffe politische Ausrichtung eher kein Kriterium ihrer Existenz. Ein Blick in die einzelnen Verlagsprogramme zeigt hingegen eine enorme Produktvielfalt, angefangen von Kinderbüchern und Spielen über Lyrik, Kurzgeschichte, Essay, Roman, Krimi und Mundart hin zur Literaturzeitschrift und zu Werken mit künstlerischer, theologischer, geschichtlicher oder musikalischer Thematik.

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bartlmüllner verlag und starfruit publications

Was also unterscheidet diese Kleinverlage, außer ihrer Größe natürlich, überhaupt von den großen Publikumsverlagen? Ich erinnere noch einmal an die Definition von Hans Widmann: Er spricht von den Akteuren, die »erklärtermaßen aus einer Gesinnung tätig sind, für die sie überzeugt Opfer bringen, ohne nach dem materiellen Ertrag zu fragen«.

Auch die Menschen hinter den hier ausgestellten Verlagswerken handeln aus einer Art Gesinnung und Motivation heraus, die sich gut aus den jeweiligen Selbstdarstellungen extrahieren lässt: Da ist der Wunsch, sich auch Themen zu widmen, die nicht das große Publikum ansprechen. Da sollen die fränkischen Wurzeln nicht aus dem Blick geraten. Da soll der Verlag besonders persönlich und unabhängig geführt werden. Und immer wieder und vor allem wird die hohe Qualität hervorgehoben, sowohl bei den Inhalten als auch in der Ausstattung der Publikationen.

Nicht wenige der Kleinstverlage sind Einfrau- oder Einmannbetriebe, andere sind das Projekt eines Kreises von Liebhabern und Idealisten.

»Tollheit, Unsinn, Wahnsinn«

Hier stellt sich die ketzerische Frage: Was um Himmels willen treibt einige wenige tatsächlich und ernsthaft dazu, heutzutage einen Kleinverlag zu gründen und zu pflegen? Gäbe es doch weitaus einfachere, bequemere und vor allem einträglichere Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen oder gar das schnelle Geld zu machen.

Aus der oberflächlichen Perspektive der Mainstream-Gesellschaft mag hier gelten, was sich schon im Deutschen Sprichwörterlexikon von 1867 als Weisheit findet: »Jeder macht seine Dummheiten für eigene Rechnung.«

Oder steht dahinter – frech gefragt – etwa als Antrieb der Kleinverleger, was ein Brockhaus-Eintrag aus dem Jahr 1809 besagt? »Die Manie heißt eigentlich die Sucht nach etwas, eine heftige Begierde, die bis zur Raserei geht; dann überhaupt auch: Tollheit, Unsinn, Wahnsinn.«

Nun, etwas Tollheit, liebenswerte und vorbildliche Tollheit ist vermutlich dabei im Wirken der Kleinverleger. Aber vor allem gilt wohl etwas anderes, etwas, zu dem das genannte Sprichwörterlexikon behauptet: »Bei Liebe fühlt man keinen Schmerz.«

Kleinverleger sein und werden, das kann nur der Liebe zur Literatur und zu besonders schönen, außergewöhnlichen Büchern verpflichtet sein. Mögen kapitalistische und wirtschaftliche Lehrsätze noch so oft der Sinnhaftigkeit des Kleinverleger-Daseins widersprechen: Es sind am Ende die Texte, die begeistern, es sind die Idee, die Sprache, die Umsetzung. Es ist und bleibt eine Herzensangelegenheit.

Die Gründer des hier ebenfalls vertretenen homunculus verlags schreiben genau dazu in ihrer Selbstdarstellung: »Mit Herzblut und aus Überzeugung machen wir: Literatur für alle Zeit!«

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Natürlich, diese vier sind noch jung, da kann und wird hoffentlich noch viel literarisches Herzblut fließen – so wie bei allen anderen Büchermachern hier auch.

An dieser Stelle frage ich mich: Dürfen Kleinverlage eigentlich groß werden? Was passiert in und mit einem Kleinverlag, was geschieht mit dem Herzblut, wenn der Verlag überraschend einen Bestseller landet? Wird ihm dann das Label Kleinverlag aberkannt? Und wer sollte das machen? Und warum?

Die Antwort darauf kann nur spekulativ ausfallen. Auf alle Fälle ist auch den Kleinverlagen eine möglichst hohe Aufmerksamkeit in der Leserschaft zu wünschen, mit dem ein oder anderen herausragenden Erfolgstitel. Denn dies ist ja auch immer im legitimen Sinne der Autoren. Und ich wage zu vermuten, nein, zu behaupten, dass Herzblut-Kleinverleger viel eher dazu bereit sind, die Erträge einzelner Erfolgstitel in die Förderung ihres Gesamtprogramms zu investieren, als große Verlage. Denn dort endet die bisweilen gehypte Förderung neuer Autoren oftmals sehr schnell in der Ramschkiste.

Leindotter, Hirtentäschel und Hederich

Ein Letztes: In der geschilderten Zeit des Aufstiegs von Nürnberg zur Druck- und Verlagsstadt waren botanische Werke besonders begehrt, denken wir an das Neue Blumenbuch von Maria Sibylla Merian oder an das Kräuterbuch Hortus Eystettensis.

Kennen Sie noch Leindotter, Hirtentäschel und Hederich? Bis vor nicht allzu langer Zeit wurden die drei und ihre Artverwandten als Unkraut misstrauisch beäugt und beharkt. Heute gelten Leindotter & Co. als wichtiges Beikraut; sie sichern die ökologische Artenvielfalt, garantieren verantwortlich wirtschaftenden Landwirten Auskommen und nachhaltige Erträge.

Die Analogie mag hinken. Klein- und Kleinstverlage sind weitaus mehr als Beikraut der großen Verlage. In ihrem Engagement für schöne, für gute Bücher erhalten sie der Literatur das, was im Massenbetrieb und in seiner brutalen Reduzierung auf das Gutverkäufliche verloren zu gehen droht: ihre einzigartige Seele.

»klein aber oho« – Ich wünsche der Ausstellung viele interessierte Gäste und den ausgestellten Verlagen auch für die Zukunft gutes Gelingen.

Siegfried Straßner ist Fachbereichsleiter Literatur im Literaturzentrum Nord, KUNO e. V. und Autor von Lyrik und Kurzgeschichten.

 

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Museumsleiterin Dr. Inge Lauterbach bei der Eröffnung. Foto: homunculus verlag

 

Zum Weiterlesen:

Gabriele Koenig, »Buchkunst in Handwerkerhäusern«, blog museen der stadt nürnberg, 14.6.2017
Marion Voigt, »Unentbehrliche Überlebenskünstler: die Independent-Verlage. Rezension«, 3.5.2012
Lust auf Bücher. Nürnberg für Leser, hrsg. Marion Voigt, Nürnberg: Verlag Tom Deuerlein, 2005

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