Filmkritik: Genius. Die tausend Seiten einer Freundschaft

Dein Freund, der Lektor

»Das bereitet uns Lektoren schlaflose Nächte: Machen wir die Bücher wirklich besser – oder machen wir sie nur anders?«, gesteht Maxwell Perkins (Colin Firth). Dabei ist der angesehene Lektor bei Scribner’s ansonsten nicht von Selbstzweifeln geplagt. Die Frage passt eher zu seinem Gegenpol, Thomas Wolfe (Jude Law), der sich darum sorgt, dass sein Werk verfälscht werden könnte.

Die beiden Protagonisten dieses Films von Michael Grandage, dem vielfach ausgezeichneten Theaterregisseur, sind ein seltsames Paar. Auf der einen Seite der grundsolide, biedere Perkins, ein Freund, auf den man bauen kann, bescheiden, mit sicherem Gespür für gute Texte. Einer, der noch bei der Diagnose einer tödlichen Krankheit genau auf die Wortwahl achtet: »Der Plural von Myriade ist übrigens Myriaden.«

Auf der anderen Seite die Diva Wolfe. Exaltiert, selbstzerstörerisch, egozentrisch. So inszeniert er sich und deklamiert zugleich: »Ich bin kein Zirkuspferd!« … Aber die beiden raufen sich zusammen, das erste Buch wird ein Erfolg. Das zweite bringt sie an ihre Grenzen. Fünftausend handbeschriebene Seiten kommen im Verlag an, werden im Akkord abgetippt und schließlich redigiert. Satz für Satz, natürlich.

Eine Passage aus Von Zeit und Strom (ersch. 1935) liest der Lektor vor. Und gemeinsam machen sie sich ans Kürzen, Schärfen. Wie fühlt es sich genau an, wenn man sich unsterblich verliebt? Müssen die Augen der Angebeteten blau sein wie der Ozean? Klischee um Klischee im Text fällt weg. Am Ende sind beide glücklich, und feierlich widmet der Autor das Buch dem Lektor, »möge es sich ihm würdig erweisen«!

Im Widerspruch dazu spart das Drehbuch nicht mit Klischees, die Perkins wohl gestrichen hätte. Vor der Kulisse Manhattans gibt dieser dem von sich selbst berauschten Autor die goldenen Worte mit, schon die Steinzeitmenschen hätten sich am Lagerfeuer Geschichten erzählt, um die Angst vor dem Dunkel zu bannen. Eben deshalb sei Wolfes Arbeit nicht unbedeutend. Wenig originell.

Schade, denn die Geschichte startet vielversprechend: Ein Kollege bringt den unveröffentlichten Roman eines unbekannten Autors ins Büro. Perkins blickt von seinen Korrekturen auf, hat eigentlich keine Zeit, aber er fragt: »Ist es gut?« Die Antwort: »Es ist einzigartig.« Dieser Moment ist wunderbar eingefangen. Das verhaltende Lächeln, das verräterische Aufblitzen in den Augen, der Lektor überfliegt die ersten Seiten – und liest sich fest. Das Abenteuer beginnt, aus einem Manuskript wird ein Buch.

Verklärt der Film die Rolle des Lektors? Ich finde, nein. Obwohl mir die Figuren teilweise zu konstruiert, zu flach erscheinen, trifft Genius den Kern der Beziehung zwischen Autoren und Lektoren. In der Arbeit am Text entsteht eine große Nähe – wenn es gut läuft. Und dazu braucht es ein hohes Maß an gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Im New York der Dreißiger genauso wie heute.

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Fotos: ©2016 Wild Bunch Germany

 

Dieser Beitrag ist zuerst auf dem Lektorenblog erschienen.

Zum Weiterlesen:
Thelma Adams, Book Review: ‘Max Perkins: Editor of Genius’

 

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